25. November 2020
Silke Jäger

Komm her, geh‘ fort

Die EU ist zu abstrakt, um sie wirklich zu begreifen. Und Europa zu groß. Uns gelingt es oft genug schon nicht, den Charakter des Dorfes drei Kilometer weiter, des Nachbarviertels oder der nächstgelegenen Stadt zu verstehen. Wir fühlen uns schnell fremd, wenn wir in eine neue Gegend kommen, andere Menschen treffen, die unsere Gewohnheiten nicht teilen. Und natürlich nimmt uns unser Alltag häufig so in Anspruch, dass uns die Muße zum neugierigen Erkunden fehlt. So bleiben wir uns zu häufig gegenseitig fremd – obwohl uns vielleicht wenig trennt, wenn man es genau betrachtet.

Der französisch-deutsche Fernsehsender arte baut Brücken, die uns helfen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufinden. Besonders eindrücklich gelingt das dem Format Stadt-Land-Europa. In fünf kurzen Videos werden Einwohner zweier Kleinstädte rechts und links des Rheins porträtiert und ihre Beziehung zu Europa vorgestellt: Sie kommen aus Naila in Oberfranken und Commercy in Lothringen. Zwei Personen, jeweils eine aus jeder Stadt, erzählen, was sie mit Europa verbinden, was sie mögen und was sie sich erhoffen. Aber auch, was sie an der EU ablehnen, warum sie sich von Europa entfernen oder mit welcher Brüsseler Spezialität sie zu kämpfen haben.

Wir treffen die Menschen da, wo sie arbeiten und leben: ungeschminkt, verschwitzt, mit Flecken auf dem Hemd. So hätten wir sie auch gut antreffen können, wären wir selbst in den Ort gefahren. Das, was sie uns und unserem Europa ins Gesicht sagen, ist ihre Wahrheit. Wir können uns daran reiben oder es gut finden – das spielt keine große Rolle. Im Mittelpunkt der Filme steht die Begegnung mit dem alltäglichen Europa. Der Vielfalt der Meinungen, Werte und Gewohnheiten.

Durch diese wahrhaftigen Begegnungen wächst Verständnis für die Situation, in der sich andere EU-Bürger befinden. Wir können besser nachvollziehen, warum jemand so denkt, wie sie oder er denkt. Und merken: Wir müssen nicht immer einer Meinung sein. Wir sind Nachbarn. Da herrscht eben nicht immer Einigkeit in allen Punkten. Und wir müssen auch nicht mit allen befreundet sein. Aber so, wie man sich den Bus oder das Zugabteil teilt, so teilt man sich auch den Heimatkontinent. Und auch, wenn man manchmal denkt: „Im Auto hätte ich meine Ruhe“ oder „In meinem Land möchte ich in Ruhe gelassen werden“ – alleine fahren bzw. leben ist teurer, riskanter und schädlicher für die Umwelt.

Das mag eine Erkenntnis sein, die beim Anschauen der Videos entsteht. Oder man findet sie einfach nur interessant und gut gemacht. Diese Filmreihe ist übrigens nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vielfältigen Europa-Programm von arte. Neugieriges Erkunden der Website lohnt!

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